Unk Kraus, Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH

2010_Wettbewerb_

Hessischer Staatspreis für das Deutsche Kunsthandwerk 2010

 

 

Hessischer Staatspreis für das Deutsche Kunsthandwerk auf der Tendence 2010 verliehen


Kunsthandwerk 2010: funktional und originell


Die Preisträger 2010: Goldschmied Unk Kraus, Hutdesigner Peter de Vries und Taschendesigner Wolfgang Olbrish

Unk Kraus, Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH

Zum 60. Mal wurde am Montag, 30. August 2010, auf der Frankfurter Herbstmesse Tendence der Hessische Staatspreis für das Deutsche Kunsthandwerk verliehen. Für ihr künstlerisches Schaffen zeichnete die Jury in diesem Jahr drei Designer aus. Den ersten Preis erhielt Goldschmied Unk Kraus. Die zweite Auszeichnung ging an Hutdesigner Peter de Vries. Über den Sonderpreis für langjähriges hochwertiges Schaffen freute sich Taschendesigner Wolfgang Olbrish. Die mit insgesamt 8.000 Euro dotierten Preise überreichten Axel Henkel, Abteilungsleiter für Außenwirtschaft, Mittelstand, Berufliche Bildung, Energie und Technologie im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung und Wolfgang Marzin, Vorsitzender Geschäftsführer der Messe Frankfurt.

Die fünfköpfige Jury bestand aus der Journalistin Gabi Dewald aus Lorch am Rhein, Elke Hackner, Goldschmiedin aus Wiesbaden, Mary-Ann Williams, der Vorjahrespreisträgerin aus Leidersbach bei Aschaffenburg, Hartmut Lieb, Leiter der Staatlichen Glasfachschule Hadamar und Dr. Ekkehard Schmidberger, Kustos a. D., Dozent an der Uni Kassel.

1. Preis: ironisches Vexierspiel
Schmuckdesign von Unk Kraus
Mit dem ersten Preis zeichnete die Jury in diesem Jahr den Goldschmied und freischaffenden Künstler Unk Kraus aus, der im bayerischen Oberkienberg, Allershausen lebt und arbeitet. Bei der Arbeit an seinen Schmuckhybriden aus Printfolien und Thermoplast stand für ihn die Frage im Mittelpunkt, „ob Schmuck mehr als Zierde ist, was Schmuck kann und darf. Ich spiele mit den Erwartungen an die Wertigkeit des Materials sowie dem Label- und Markenbewusstsein. Mich interessiert es, tradierte Schmuckvorstellungen auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen, also Schmuck als Handwerksform zu hinterfragen."

Unk Kraus wurde 1949 als Reinhard Kraus in München geboren und arbeitete bis 1985 als Tierarzt. 1986 tauschte er den Beruf gegen die Berufung, lernte Goldschmied und arbeitet seitdem als freischaffender Künstler in den Bereichen Schmuck, Malerei und Skulptur. Die „Landflucht" hat Kraus aus der bayerischen Metropole nach Oberkienberg getrieben. In der dörflichen Idylle findet er die Ruhe zur Kontemplation und Konzentration, die er für seine Arbeit braucht.

Unk Kraus hat in seiner Arbeit nicht sofort zu dem humorvollen und unaufdringlich ironischen Spiel mit Erwartungen und Formen gefunden, das seine Schmuckstücke heute prägt. Nach seiner Lehre als Goldschmied arbeitete er zunächst mit Metall. Seit zehn Jahren entstehen nach dem Prinzip der Dekonstruktion und Konstruktion seine mit Blattgold oder -silber hinterfassten Printfolien, auf denen Blüten, Tiere ebenso wie Muster oder Formen zu sehen sind, und die zu Collier, Armband, Ring oder Brosche verarbeitet werden. Seit drei Jahren fertigt er Goldschmiedeprinzipien folgend auch Schmuckstücke aus thermoplastischem Kunststoff.

2. Preis: wandelbares aus Filz
Kopf- und Wandkreationen von Peter de Vries
Der zweite Preis geht in diesem Jahr an den Hutdesigner Peter de Vries. „Mit meinen Designs möchte ich Spiel, Spaß, Funktionalität und Freude vermitteln. Mein Lieblingsmaterial ist Filz, weil sich Filz so schön verarbeiten und formen lässt und weil es so ein ehrliches Material ist", so de Vries.

Der 1961 im niederländischen Groningen geborene Peter de Vries, der zunächst als Optiker arbeitete, lebt seit 1989 in Hamburg. Der Autodidakt kaufte Maschinen um Hüte zu stanzen und begann mit seiner Hutproduktion. Wandelbare Formen interessieren den gebürtigen Niederländer besonders. 2004 lies sich de Vries seine Hutkreation Sushehat patentieren, ein Hut mit neun Möglichkeiten, zu dem sich der Designer von den Kopfbedeckungen japanischer Feldherren inspirieren ließ. 2005 erhielt der Sushehat die Auszeichnung „Design Plus" der Messe Frankfurt, 2006 folgte der „red dot design award" und 2009 der Preis für Ecodesign der Mailänder Universität.

In diesem Jahr hat de Vries fünfzig Mal fünfzig Zentimeter große Filzfliesen entworfen, die Wände und nicht den Kopf behüten: „Die sogenannten Bubbel-Filzfliesen sind Naturprodukte, die isolieren, als Schallschutz dienen und dabei die Luft reinigen", so de Vries. Die Fliesen, die in vielen Farben hergestellt werden, können über ein Klettverschlusssystem an die Wände angebracht und daher immer wieder umdekoriert werden.

Seine Ideen bekommt der blonde Wahlhamburger, indem er mit offenen Augen durch die Welt fährt. De Vries liebt Jazz und möchte auch die Musik in Materie überführen. Materie für die Musik lieferte er in diesem Jahr übrigens mit seinen 143 gelben Filzhüten für die „Lohengrin"-Inszenierung der Bayreuther Festspiele.

Sonderpreis für langjähriges hochwertiges Schaffen:
Taschenkreationen von Wolfgang Olbrish
Wie schon im vergangenen Jahr vergab die Jury auch in diesem Jahr keinen dritten Preis, sondern einen Sonderpreis für langjähriges hochwertiges Schaffen. Diesen Preis erhält der Berliner Designer Wolfgang Olbrish für seine Taschenkreationen. „Mit meinen Taschen gestalte ich Körperräume", so Wolfgang Olbrish, der sein Arbeitsprinzip als „Form meets Function" beschreibt: „Ergonomie, Körperpassform der Taschen, das Tragegefühl, der Tragekomfort und Nachhaltigkeit sind mir wichtig. Gleichzeitig sollen aber auch edle, sinnliche und witzige Sachen entstehen."

Der 1947 geborene Olbrish hat einige Jahre in der Hippie-Szene verbracht, machte von 1980 bis 1983 sein Abitur nach, studierte dann Freie Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin. Schon früh wurde ihm klar, dass er mit Menschen zusammenarbeiten und dabei etwas schaffen möchte, „was etwas über die Zeit, in der ich lebe, ausdrückt". Vor 2007 firmierten Olbrishs Kollektionen unter dem Namen cover b. Seit 1983 stellten Wolfgang Olbrish und sein Geschäftspartner Bernd Goebel unter diesem Label zunächst Unikate und Kleinstserien her. Inzwischen finden sich die Taschen weltweit. Olbrishs Arbeiten wurden in den letzten Jahren unter anderem mit dem red-dot-design award" sowie dem „Good Design USA Award" ausgezeichnet.

Sinnlichkeit und Schlichtheit verbinden Olbrishs Taschen, Rucksäcke, Aktentaschen und andere Kleinlederwaren. Die Kollektionen werden in der firmeneigenen Werkstatt entwickelt und produziert. Da neben dem Stil die Nachhaltigkeit ein wichtiges Kriterium bei der Produktion ist, arbeitet Olbrish nach Möglichkeit mit Naturmaterialien wie Leder oder Rosshaar. „Die Vorprodukte unserer Kreationen, also das Leder oder auch die Metallbeschläge, lassen wir nach strengen EU-Ökorichtlinien fertigen."

Ältester Staatspreis Deutschlands
Der Hessische Staatspreis für das Deutsche Kunsthandwerk ist der älteste Staatspreis Deutschlands. Er wurde 1951 auf Anregung von Kunsthandwerk Hessen e. V. vom damaligen Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn gestiftet und wird seitdem im Rahmen der Frankfurter Herbstmesse verliehen.